Mütter sollen glücklich sein, doch viele sind vor allem eines: einsam. Die
Familienforscherin und Soziologin Sabine Diabaté hat darüber ein Buch geschrieben:
„Mutterseelenallein“. Ein Gespräch über einsame Momente und darüber, was Fußball
mit Freundschaft zu tun hat.

Von Eva Lienemann
Frau Diabaté, warum sollten Mütter überhaupt einsam sein? Sie haben doch
ständig jemanden um sich.

Sabine Diabaté: Das ist genau das Paradox der Mutterschaft. Trotz maximaler körperlicher und räumlicher Nähe erlebt man einen enormen sozialen Umbruch. Mit der Geburt verändert sich der soziale Kontext komplett. Viele Kontakte aus dem Job oder der Ausbildung fallen weg
oder werden unwichtiger. Man fokussiert sich stark auf die Kernfamilie. Freundschaften
brechen häufig weg. Das ist für die meisten Frauen ein echter Einschnitt.
Dr. Sabine Diabaté Foto: Annika Graeff

Dazu kommt ein enormer Druck, glücklich sein zu müssen, und die Vermutung, alle anderen kriegten es besser hin…
Diabaté: Absolut. Für mein Buch habe ich mit einer Mutter gesprochen, die als Einzige in ihrer Müttergruppe nicht stillen konnte. Einige Frauen haben ihr unterstellt, sie wolle nicht.
Dabei konnte sie nicht. Und selbst Nichtwollen, sagte sie, müsse doch okay sein. Bei der Beikost ging es weiter: alle anderen hatten selbst gekocht, und sie war überfordert und kaufte Gläschen. Auch dafür gab es böse Blicke. Am Ende hat sie sich aus der Clique
zurückgezogen und sich neu orientieren müssen. Das ist Gruppendynamik: Man identifiziert sich über gemeinsame Praktiken und signalisiert anderen, dass sie nicht dazugehören. Die
passende Gruppe zu finden, ist gar nicht so einfach.

Wann waren Sie als Mutter besonders einsam?
Diabaté: Ich kann mich vor allem an zwei Situationen erinnern: Zum einen die Abende, wenn die Kinder schliefen und mein Mann nicht da war, weil er auf Dienstreise war. Ich war dann oft so erschöpft, dass ich nicht mal mehr die Kraft hatte, jemanden anzurufen. Der andere Moment war später in der Kitazeit: diese endlosen Krankheitsphasen. Erst war das eine Kind krank, dann das andere. Und bei Magen-Darm-Geschichten musste man sich ja isolieren, wollte niemanden anstecken. Diese Isolation hat mich tatsächlich später an die Corona-Pandemie erinnert.

„Die jetzige Elterngeneration muss mehr alleine stemmen.“

Man sagt immer, es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen. Gab es
dieses Dorf früher öfter, oder waren die Mütter damals genauso einsam?

Diabaté: Als Sozialforscherin würde ich am liebsten Zahlen im Längsschnitt präsentieren – die gibt es aber leider nicht. Wir können nicht belegen, dass die Babyboomer-Mütter ein Dorf hatten und die heutigen Mütter nicht. Aber wir haben mehrere Puzzleteile: Die Bindung an Kirchen, Parteien, Sportvereine hat abgenommen. Diese institutionalisierten Umgebungen mit regelmäßigen Treffen sind weniger geworden. Außerdem ist die Mobilität gestiegen: Menschen ziehen häufiger um, weit weg von ihrer Herkunftsfamilie. Sie verlieren damit ihre aufgebauten Strukturen und müssen sich am neuen Ort alles neu aufbauen. Diese
verbindliche Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen ist definitiv seltener geworden. Und die
Babyboomer-Generation, die jetzt Großeltern sind, genießt ihre Freiheit und ihren
Wohlstand. Sie sind gerne Großeltern, aber eben nur da, wo es passt. Die jetzige
Elterngeneration muss mehr alleine stemmen.

Kann man also sagen, dass das Problem Einsamkeit größer geworden ist?
Diabaté: Ich habe lange überlegt, ob ich das so deutlich im Buch schreibe, weil ich immer
faktenbasiert argumentieren möchte. Aber ich glaube schon, dass Individualisierung und
Mobilität eine große Rolle für die Einsamkeit bei Müttern spielen. Ein Kind ist zum Ausdruck
maximaler Wahlfreiheit geworden. Aber dadurch wird es auch der Frau als
Hauptverantwortung zugeschrieben: Du hast das Kind gewollt, dann kümmere dich auch
drum. Elternschaft ist mehr zum Projekt geworden. Und weil man sich das so frei aussuchen
kann, gehört einem jetzt die alleinige Verantwortung. Die Individualisierung hat sich da fast
schon pervertiert. Denn wenn wir Zukunft gestalten wollen, muss jeder ein Interesse an
Kindern haben, nicht nur die Eltern! Diese Vorstellung, dass man sich komplett rausziehen
kann, nur weil man selbst keine Kinder hat, ist problematisch. Durch die demografische
Entwicklung werden Kinder immer seltener in unserer Umgebung sichtbar. Damit verliert
man die Selbstverständlichkeit im Umgang mit ihnen und auch das Verständnis geht
verloren.

„Einsamkeit ist ein soziales Hungergefühl.“

Was kann man selbst gegen die Einsamkeit tun?
Diabaté: Ich habe die Lasso-Methode erfunden. Die Idee dahinter ist, Frauen zu
ermächtigen. Wir sind nicht nur Opfer, wir können etwas tun. „Lasso“, weil man versucht, die
Menschen zu greifen, die einem guttun: L wie Listen: zuhören. Stelle die Frage: „Wie geht es
dir eigentlich?“, und hör zu, ohne zu bewerten und ohne gleich von dir zu erzählen. Das ist
ein Geschenk, und es schafft Nähe. A wie Activism: sich als Mutter Raum nehmen. Im Job
zum Beispiel sagt man: ,Meetings nach 14 Uhr gehen nicht, ich muss mein Kind abholen.‘
Oder: Wenn man Fläschchen gibt statt zu stillen, kann man sich einfach in ein Café setzen
und das tun. Das erste S steht für Selfcontact oder Selfcare. Man sollte dem Gefühl der
Einsamkeit Raum geben, statt es zu verdrängen. Negative Gefühle haben einen Sinn,
Einsamkeit ist ein soziales Hungergefühl. Die Evolution hat uns diesen Tritt mitgegeben,
damit wir wieder auf andere zugehen. Das zweite S steht für Support, Hilfe annehmen. Weg
mit dem Supermom-Leitbild. Evolutionsbiologisch ist nicht vorgesehen, dass eine Person ein
Kind allein aufzieht. Kinder profitieren vom engen Kontakt zu mehreren Menschen. Und
schließlich O wie Others: die eigenen Beziehungen prüfen. Wer tut mir gerade gut, wer
nicht? Und die Menschen stärken, die guttun oder guttun könnten.

Man ist in der ersten Zeit mit Baby sehr verletzlich, schafft es aber oft nicht, das
zu zeigen.

Diabaté: Dabei entsteht Nähe nur, wenn man Verletzlichkeit teilt. Deshalb bleiben
oberflächliche Begegnungen so leer. Am besten schließt man ans Zuhören an und spiegelt,
was die andere gesagt hat: „Ich habe dich verstanden.“ „Das kenne ich.“ „Wie war das genau
für dich?“ Und dann knüpft man daran an: „Lass uns noch mal treffen.“ Dass es im ersten
Jahr besonders schwerfällt, verstehe ich. Man ist innerlich weicher als sonst und macht
schneller die Tür zu, als man es sollte.

Und wenn die andere nicht mitgeht?
Diabaté: Verlieren kann man dabei eigentlich nichts. Wer meine Verletzlichkeit bestraft, ist
nicht die Richtige. Man darf Menschen ruhig auf Freundespotenzial abklopfen. Es ist wie
beim Dating: Try and Error, und manchmal ist der Weg steinig.

Man sollte nicht aufgeben…
Diabaté: Genau. Ich bin auch Statistikerin und glaube ans Kumulative. Es ist wie im Fußball:
Wer oft aufs Tor schießt, trifft irgendwann. Wer auf der Bank sitzen bleibt, nie. Man muss
sozial im Spiel bleiben. Oft reicht ein Mensch, mit dem man die besonderen Phasen der
Mutterschaft gemeinsam durchsteht.

Viele Frauen können sich vor der Geburt gar nicht vorstellen, wie das Leben mit
Kind sein wird. Was würden Sie Frauen raten, die noch nicht Mutter sind? Können die
sich vorbereiten?

Diabaté: Ja, ich kann nur raten: Plane vor der Geburt das soziale Leben danach! Dekliniere
durch: Wie wird dein Alltag laufen? Wen wirst du regelmäßig treffen? Wer ist verfügbar? Wer
ist örtlich nah genug für niedrigschwellige Treffen? Mit Kinderwagen ohne Auto kann schon
eine kurze Strecke eine große Hürde sein. Setze nicht nur auf eine Person, sondern baue
vielschichtige Kontakte auf. Vielleicht eine Freundin fürs Babyschwimmen – und die muss
keine Mutter sein! Sprich vorher mit Leuten: Könnt ihr euch das vorstellen? Ich nenne das
Shared Mothering: Menschen proaktiv in die Mutterschaft einbeziehen. Plant konkret: Ich
möchte samstags ins Fitnessstudio, kannst du einmal im Monat für zwei Stunden
übernehmen? Shared Mothering adressiert alle Menschen, nicht nur Mütter. Männer,
Frauen, jung, alt, Nachbarschaft, Freundeskreis, Familie. Wichtig ist Vertrauen, Sympathie
und starkes Interesse, Teil dieses kleinen Lebens zu sein. Beziehungen sind genauso
wichtig wie Essen und Bewegung – das ist gesundheitlich bewiesen. Herzensmenschen
schützen das Herz, im wahrsten Sinne. Und das gilt in jedem Stadium der Mutterbiografie.

  • „Mutterseelenallein“ von Sabine Diabaté ist erschienen im Quadriga Verlag, kostet 22 Euro und ist überall erhältlich, wo es Bücher gibt. ISBN: 978-3-86995-171-3

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